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Buchbesprechungen

Wissen ist ein elementarer Bestandteil einer demokratischen Gesellschaft und viel Wissen findet sich in Büchern. Die Demokratiebegleiter/-innen wählen deshalb Bücher mit gesellschaftlich relevanten Themen aus. Das Besondere dabei ist, dass sie diese auch selber rezensieren.

 

Fritz Breithaupt

Kulturen der Empathie

Suhrkamp Verlag
Erstausgabe: 2020

Auf dem Foto zu sehen: Buchcover "Kulturen der Empathie" von Fritz BreithauptFritz Breithaupt ist ein deutscher Literatur-, Kultur- und Kognitionswissenschaftler. Breithaupt betont, dass Empathie in den letzten Jahren zu einer der zentralsten Themen in den Kognitionswissenschaften geworden ist und beleuchtet im vorliegenden Buch Empathie von verschiedenen Seiten. Im weitesten Sinne soll der Begriff zunächst verstanden werden, als eine „Einfühlung oder das In-die-Haut-des-anderen-Schlüpfen.“ Relevant ist, dass wir Verständnis für uns und für andere Menschen haben, indem wir sie „in kleine gedankliche Erzählungen verwickeln“. „Weil alles und nichts ähnlich sein kann, kommt auch Empathie vielleicht nicht allein durch Ähnlichkeit zustande, sondern, so die These, durch gezielte Begrenzung von Ähnlichkeit.“

 

Akkurate und subjektive Empathie
Breithaupt differenziert zwischen akkurater und subjektiver Empathie. Akkurate Empathie bedeutet, den anderen vollständig und korrekt zu verstehen und mitzudenken, sich in den anderen hineinversetzen. Bei der subjektiven Empathie dagegen geht es um ein weit gefasstes Empathie-Spektrum, dabei ist von Bedeutung, sich als Beobachter die Empfindung des anderen vorzustellen. In dem vorliegenden Buch wird von subjektiver Empathie ausgegangene, die Breithaupt kurz „Empathie“ nennt.

Antonio Damasio
Breithaupt zitiert den Neurowissenschaftler Antonio Damasio; er ist der Auffassung, dass Erfahrungswerte als Gefühle gespeichert werden und in kommenden Situationen, die eine Ähnlichkeit aufweisen, werden diese wieder abgerufen und dienen als Entscheidungshilfe, indem sie positive oder negative Gefühle erzeugen und situative Verhaltenshinweise geben. Bei einem „schlechten Gefühl“ entscheiden wir uns gegen die Option die in dieser Situation entsteht. „Diese auf den Emotionen aufbauenden Mechanismen der Entscheidungshilfe könnten etwa eine Ähnlichkeit zwischen verschiedenen Individuen herstellen.“


Emotionale Ansteckung
Ein zentraler Bereich, der mit Empathie in Verbindung gesetzt wird, ist die emotionale Ansteckung, in denen eine Person die Gestik, die Körperhaltung, Bewegungen und Mimik sowie Laute eines Gegenübers automatisch nachahmt und dadurch die affektive und emotionale Haltung des anderen übernimmt.

Spiegelneuronen
Der Autor zitiert den Neurowissenschafler Marco Lacoboni, der eine Reihe von Spiegelneuronen entdeckt hat, die dafür zuständig sind, die Aktivität anderer Spiegelneuronen zu unterdrücken; bisher weiß man nur wenig über diese Spiegelneuronen. „Spiegelneuronen sind ein Resonanzsystem im Gehirn, das Gefühle und Stimmungen anderer Menschen beim Empfänger zum Erklingen bringt.“
Breithaupt stellt die Frage, ob Spiegelneuronen blockiert oder gesteuert werden können. Er ist der Auffassung, dass Spiegelneuronen Systeme der Steuerung brauchen.
Diese Empathie-Steuerung hinsichtlich der Spiegelneuronen kann auf drei Ebenen ablaufen:
1.    über das bestehen bzw. nicht-bestehen von Spiegelneuronen, die auf spezifische Akte kodiert sind;
2.    über Prozesse die unterdrücken oder kontrollieren während die Spiegelneuronen aktiv sind;
3.    über nachgeordnete Verarbeitungsprozesse der Information, die durch Spiegelneuronen gewonnen werden.


Das „Ich“
In der Zeit von 1770 bis 1790 wurden zwei Ansätze entwickelt, einmal das Mitgefühl in Sinn von Mitleid und Sympathie, was wir heute Empathie nennen und andererseits „das ich“. Schon die Texte von Aristoteles zum Theater, zur Politik und Rhetorik haben eine Form des Mitgefühls im Fokus der Aufmerksamkeit und Wirkung von Fiktion in Rhetorik und Theater. Später im achtzehnten Jahrhundert wurden diese Gedanken wieder aufgegriffen und „zu einem eigentlich Mechanismus von Mitleid gemacht“.  In dieser Zeit gewinnt eine neue Begriffsschöpfung einen hohen Bekanntheitsgrad. „Die Normalisierung von „das Ich“, „le moi“ oder „the self“.“ In der Sturm und Drang Zeit ab 1769 wird das „Ich“ zum bekanntesten Schlagwort.
Als Voraussetzung für dieses Kapitel gilt die Ausgangshypothese, dass Empathie sich entwickelt, da ein Beobachter fälschlicherweise in der Annahme ist, eine anderen verstehen zu können. Nun kommt Empathie zustande, weil es zu einer Überschätzung zwischen dem Beobachter und dem Beobachteten kommt, so der Autor; es wird argumentiert, dass die zu überschätzende Ähnlichkeit zwischen Beobachter und Beobachteten eine Grundlage für Empathie ist, „ (…) dass aber Empathie zugleich Kontrolle und Steuerung bedarf, um nicht als ähnlich begreifen zu müssen.“ Demnach besteht die Herausforderung der Empathie darin, Nicht-Ähnlichkeit zu produzieren. „Das Ich“ ist eine Instanz der Nicht-Ähnlichkeit. Je mehr sich Individuen von anderen abgrenzen, desto unwahrscheinlicher wird Empathie.


Ähnlichkeit/ False-Belief-Aufgaben
Bei der Empathie ist Ähnlichkeit ein wichtiger Bestandteil. „Das Interesse an der Empathie muss aber gerade daher rühren, dass der andere auch anders ist als wir und dass wir die Momente der Unähnlichkeit verstehen können.“ Ein kleines Experiment soll das verdeutlichen. Ein Kind bekommt eine Smartie-Schachtel gezeigt und wird daraufhin gefragt, was drin sei, es sagt „Smarties“, jedoch sind Buntstifte drin. Nun kommt eine Person hinzu, die über dieses Wissen nicht verfügt; das Kind wird erneut gefragte, was drin sei, sagt es „Smarties“, hat es verstanden, dass die neu hinzugekommene Person nicht über sein eigenes Wissen verfügt, sagt es „Buntstifte“ nimmt das Kind fälschlicherweise an, das die Person das gleiche Wissen inne hat. Dies und ähnliche Versuche werden als false belief task oder False-Belief-Aufgaben bezeichnet, weil vom Probanden verlangt wird, das Fehlerwissen der anderen Person korrekt zu erkennen.
Hier stellt sich die Frage, was für eine Kultur der Empathie sich ergibt, wenn kognitive Fähigkeiten aus den False-Belief-Aufgaben abgeleitet werden, so Breithaupt. Können wir durch das Bestehen der False-Beliefe-Aufgaben Emotionen, starke Überzeugungen, Absichten und Leidenschaft des anderen verstehen oder mitvollziehen, fragt der Autor; um welche Fähigkeit handelt es sich überhaupt? Es gibt zwei Ansätze die diesen Sachverhalt interpretieren. Das eine Modell, umfasst die Perspektive des anderen zu übernehmen, in seine Haut schlüpfen und an seiner Stelle die Ereignisse erleben. Das zweite Modell beinhaltet dass ich nur punktuell weiß, was der andere weiß „ (…) und errechne als sein Wissen als Differenz zwischen dem faktischen Zustand und seinem limitierten Verständnis.“   

Ein-Punkte-Konstruktion
Als ein Beispiel für die Ein-Punkt-Konstruktion dient die Trauma-Erzählung. Breihaupt versteht darunter Romane, Filme, Dramen, fiktive Erzählungen auch Autobiographien, Patienten-Berichte oder Gerichtsprotokolle, Dokumente die für die Deutung einer Handlung, des Verhaltens und der emotionalen Beschaffenheit eines anderen traumatische Situationen herangezogen werden (Posttraumatische Belastungsstörung oder Posttraumatische Stress  Disorder, PTDS). Seit der Romantik und seit dem ersten Weltkrieg erfreut sich diese Art von Gattung großer Beliebtheit. Als Beispiel zu solchen Trauma-Erzählungen ist Balzacs Adieu, E.T.A. Hoffmanns Fräulein von Scuderi


Stockholm-Syndrom
Eine klassische Szenario der Empathie ist das Stockholm-Syndrom (survival identification syndrom), so Breithaupt; Hier schlüpft die Geisel in die Perspektive des Geiselnehmers, sie hat sogar Angst vor der Polizei und setzt sich auch während der der Gerichtsverhandlung für ihn ein, dies alles geschah 1973, nach einer Geiselnahmen von zwei Tätern; es kommt zur Bildung des Stockholms-Syndroms wenn der Geiselnehmer der Geisel gegenüber freundliche Gesten zeigt und damit Hoffnung zulässt.


Klatsch-Theorie
Die Sprache nimmt beim emphatischen Geschehen eine wesentliche Rolle ein, so Breithaupt. Bei Menschen nimmt die für das Sprechen verantwortlichen Areale des Neocortex um die 80 Prozent ein, bei Affen sind es 50 Prozent. Das Lausen ist in diesem Kontext von großer Bedeutung und wird mit Sprache gleichgesetzt; diese sogenannten „Kraul-Gemeinschaften“ umfassen 50-70 Affen, die Sprachgemeinschaften könne diese Gruppengröße verdreifachen auf 150 Individuen. Dies ist vergleichbar mit der Klatsch-Theorie (gossip-theory) nach Dunbar.


Dreierszene
Empathie kann auch als Parteinahme in einer Dreierszene beschrieben werden, so der Breithaupt. „Empathie, so die einfache These, kann entstehen, wenn ein Beobachter die nicht-harmonische Interaktion von mindestens zwei Individuen beobachtet und mental Partei für eine der beiden Seiten ergreift, ohne aber notwendigerweise in die Handlung einzugreifen“.  
Zusammengenommen kann definiert werden: „Empathie ist eine Entscheidung zur Parteinahme für den einen (und nicht den anderen), die durch narrative Strategien emotional und rational legitimiert wird.“


Das Buch ist sehr empfehlenswert, Breithaupt beleuchtet die Kulturen der Empathie aus verschiedenen Perspektiven und benennt viele Aspekte; es ist wissenschaftlich fundiert und ist anspruchsvoll geschrieben.