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Buchbesprechungen

Wissen ist ein elementarer Bestandteil einer demokratischen Gesellschaft und viel Wissen findet sich in Büchern. Die Demokratiebegleiter/-innen wählen deshalb Bücher mit gesellschaftlich relevanten Themen aus. Das Besondere dabei ist, dass sie diese auch selber rezensieren.

 

Cornelia Koppetsch

Die Gesellschaft des Zorns

transcript Verlag, Bielefeld
Erstausgabe: 2019

In diesem Buch geht es darum, den Aufstieg rechtspopulistischer Parteien, Bewegungen und Strömungen zu erklären und zu erforschen.
Wichtig sind hierbei vor allem die Konsequenzen der Globalisierung, wie z.B. Flüchtlingsströme, die Verödung ländlichen Raums, Arbeitsplatzverluste: eine „Transformation“ der Gesellschaft, vor allem im Osten Deutschlands.

Diese Veränderungen führen laut Koppetsch zu Gefühlen und Tendenzen der Benachteiligung und schüren Ressentiments gegen das bestehende politische System. Koppetsch skizziert das Bild einer Gesellschaft, oder zumindest Teile derselben, die sich in einem „kollektiven Kontrollverlust“ wähnt und sich deshalb die „gute alte“ Zeit zurückwünscht. Hinzu kommen Veränderungen innerhalb des Werteverständnisses von  Gruppierungen, es werden anstelle von Gleichheit und Inklusion nun Werte wie exklusive Solidarität und Abschottung präferiert.

Darum steht für Koppetsch fest, dass die neuen Rechtsparteien die  „zentrale Konfliktlinie“ der Gegenwart darstellen. Diese Konfliktlinie nährt sich zum Beispiel von den Entwicklungen, die auf den Mauerfall folgten. Der politische Raum in Deutschland wurde neu geordnet, der grundsätzliche Konflikt zwischen den großen bürgerlichen Parteien wurde abgelöst durch die Spannungen zwischen den rechten Parteien und dem Rest der politischen Parteien. Koppetsch spricht von einer „politischen Repräsentationskrise“.

Für die Autorin sind auch psychologische Gründe für den Aufstieg des Rechtspopulismus wichtig. Zum Beispiel die immer schwieriger werdende Anerkennung des eigenen Selbst, die Bestätigung und das Finden der eigenen Identität in Zeiten eines Neoliberalismus,  der schnell zur Ausgrenzung vieler Menschen führen kann, wenn diese zum Beispiel keinen Zugang zu Ressourcen wie Geld, Auto, Wohnung etc. haben. Denn wenn eine solche gesellschaftliche Anerkennung nicht glückt, entstehen Ressentiments und darauf folgend dann die Neigung, rechtspopulistischen Narrativen zu folgen.

Man sollte aber keine Angst vor einer drohenden Revolution haben, so Koppetsch, denn Anzeichen, dass so etwas passieren könnte, seien noch zu verstreut - obwohl trotzdem wahrnehmbar. Vielmehr bedürfe es dafür  Bewegungen, die den Unmut und Zorn der Bürger sammeln würden.
Relevant ist noch der Begriff der Heimat- für die einen bedeutet er etwas, das nicht verortbar ist, ein Gefühl der Zugehörigkeit, Geborgenheit oder des Angenommenseins. Diese Gefühle beruhen darauf, dass Heimat ein Ergebnis von Prozessen ist: ein „heimisch werden“  und ein „tätiges Auseinandersetzen mit der Welt“. Für die andere Gruppierung ist Heimat klarer strukturiert und gebunden an einen Ort, eine Nation oder Region. Für erstere sind die Folgen der Globalisierung dann auch leichter zu bewältigen, sie haben die nötigen Ressourcen und finden sich in einer globalisierten Welt gut zurecht. Für Zweitere kann die Veränderung oder gar der Verlust ihrer „Heimat“ zu Zorn, Neid, Scham und dem Gefühl der Degradierung führen. Diese Persönlichkeitsveränderungen führen ihrerseits zu Ressentiments. Diese werden hier verstanden als der Wandel der eigenen Haltung von beispielsweise einem Beneiden besser gestellter Individuen hin zum Hass auf ebendiese, also dem Herabsetzen von ehemals geschätzter Eigenschaften von Menschen oder auch politischen System hin zum Gefühl des Betrogenseins. Dies soll verstanden werden als der Nährboden des Rechtspopulismus.

Relevant sind auch Prozesse der Zivilisierung oder ihres Gegenteils, der „De-Zivilisierung“. Denn geschichtlich betrachtet fand, so Koppetsch, Zivilisierung immer statt, wenn „untere“ Klassen zu den oberen Klassen aufstiegen oder zumindest Aufstiegsambitionen hatten. Dies ist im 21. Jahrhundert aber immer schwieriger, weil Menschen mit weniger Ressourcen oder keinem Zugang zu selbigen sich weiter von den oberen Klassen entfernen anstatt sich ihnen anzunähern.

Abschließend plädiert Koppetsch dafür, dass politische Positionen, z.B. in Bezug auf Zuwanderung, stets offen diskutiert werden müssen, und nicht als moralisch unzulässig bewertet werden sollten.