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Buchbesprechungen

Wissen ist ein elementarer Bestandteil einer demokratischen Gesellschaft und viel Wissen findet sich in Büchern. Die Demokratiebegleiter/-innen wählen deshalb Bücher mit gesellschaftlich relevanten Themen aus. Das Besondere dabei ist, dass sie diese auch selber rezensieren.

 

Jeremias Thiel

Kein Pausenbrot Keine Kindheit Keine Chance

Piper (Piperback) Verlag
Erstausgabe: 2020

Auf dem Foto zu sehen: Buchcover "Kein Pausenbrot Keine Kindheit Keine Chance" von Jeremias Thiel

Das Buch ,,Kein Pausenbrot Keine Kindheit Keine Chance´´ erzählt auf 224 Seiten die Geschichte des 19-jährigen Autors und Protagonisten Jeremias Thiel. Jeremias und sein Zwillingsbruder wachsen in einem Hartz IV-Viertel in Kaiserslautern in einer sozial benachteiligten Familie auf. Sein Zwillingsbruder und die Mutter leiden an ADHS, die Mutter zusätzlich an Glücksspielsucht. Jeremias Vater ist chronisch depressiv, beide Eltern langzeitarbeitslos. Irgendwann fällt das Familien-Management auf die Schultern von Jeremias. Mit 11 Jahren, als ihm seine Situation klar wird, und durch einen Vorfall, der das Fass zum Überlaufen bringt, beschließt Jeremias zum Jugendamt zu gehen und seine Familie zu verlassen. Von da an kommt Jeremias im SOS-Kinderdorf unter. Schulisch schaffte er es nach der Gesamtschule auf das internationale Robert-Bosch-College in Freiburg mit Internat. Heute studiert er mit einem Vollstipendium Umwelt-Wissenschaften und Politik-Wissenschaften in den USA. Durch seinen Werdegang hindurch erzählt Jeremias von Kinderarmut aus eigenen Erfahrungen. Er berichtet authentisch von Chancenungleichheit und Verarmung, von Schwierigkeiten, die er zu bewältigen hatte und von Vorurteilen, die ihm begegneten. Er erzählt auch von der Geschichte seiner Eltern und der seines Bruders. Er schreibt stellvertretend für Millionen armer Kinder und Menschen in Deutschland. Er schreibt aber auch von Hoffnung und positiven Erfahrungen, von Menschen, die ihm die Hand reichten und ihn unterstützten, die ihm als Vorbilder dienen und für ihn da waren.

Das Buch ist einfach geschrieben, aber bleibt durch die Geschichte des Autors spannend, dadurch ist es sehr angenehm zu lesen. Ich finde es großartig, dass Jeremias den Mut hat seine Geschichte zu erzählen, auch wenn er dadurch viel Privates und Persönliches von sich preisgibt. Sie ist sehr wertvoll, weil sie wichtige Erkenntnisse von jemandem liefert, der Kinderarmut hautnah miterlebt hat. Es ist etwas völlig anderes, wenn ein Soziologe bloß darüber forscht, als wenn jemand darüber berichtet, der selbst durch diese Hölle gehen musste. Ich selber konnte einige Erlebnisse von Jeremias durch eigene Erfahrungen sehr gut nachvollziehen. Besonders lobenswert finde ich, dass Jeremias zu seiner Meinung oft noch andere Sichtweisen in Betracht gezogen hat. Über manche politischen Ideen seinerseits lässt sich natürlich streiten, aber im Großen und Ganzen sind schon sehr viele gute mit dabei. Das Problem der Kinderarmut ist eines der grauenhaftesten Probleme in Deutschland und auf der Welt, deshalb würde sich das Buch ideal als Schullektüre eigenen, damit Teenager und junge Erwachsene, quer durch die Schichten, auf dieses Problem aufmerksam werden. Außerdem sollte sich dieses  Buch jeder Politiker und Beamte durchlesen, der sich für Familien- und Sozialpolitik interessiert oder in diesen Bereichen arbeitet, um Erkenntnisse aus erster Hand zu gewinnen. Am Ende möchte ich noch erwähnen, dass zum Autor, Dokus, Berichte und Gastauftritte in TV-Sendungen im Internet zu finden sind.