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09.07.2019

„Habe mal ein Auge auf das Blindsein geworfen“

Demokratiebegleiter/-innen organisieren Bürgersprechstunde in der Nikolauspflege

Die Stadträtin Beate Bulle-Schmid (CDU) und Simone Fischer, Beauftragte für die Belange von Menschen mit Behinderung bei der Stadt Stuttgart, haben die Nikolauspflege besucht und sich den Fragen der Teilnehmenden aus dem Berufsvorbereitungsjahr gestellt.

Strategisch klug hoben die Teilnehmenden in ihrer ersten Bürgersprechstunde zunächst einmal Positives hervor. Etwa dass die Bushaltestellen an der Nikolauspflege am Kräherwald gut ausgestattet sind, das die Bodenleitlinien in Stuttgart für Blinde sehr gut sind, dass viele Ampeln mit Vibrationsalarm ausgestattet sind und der ÖPNV klimatisiert ist.
Da Ampeln für Blinde und Sehbehinderte bei der Straßenüberquerung sehr wichtig sind, bemängelten viele, dass nicht alle Ampeln mit Vibrationsalarm ausgestattet sind, manche nicht funktionieren oder an manchen wichtigen Stellen fehlen. Ein Teilnehmer wünscht sich konkret eine Ampel an der Beethovenstraße Nähe Vogelsang weil er sonst nicht ohne Hilfe über die Straße kommt.

Bulle-Schmid gab den Hinweis, die Barrieren den Bezirksbeiräten zu melden. Fragen gab es auch zu Wohnungen für Menschen mit Behinderung. Die Stadträtin wies darauf hin, dass der Gemeinderat über das Problem informiert ist und dass es eine Quote für barrierefreie Wohnungen gibt. Simone Fischer berichtete, dass sie viele Anfragen bekomme zu barrierefreien Wohnungen und dass es Zuschüsse für den Vermieter für die barrierefreie Ausstattung gibt.

Eine junge Frau wünscht sich größere und auffälligere Mülleimer im Stadtgebiet, damit Blinde diese schneller erkennen und ihren Müll entsorgen können. Bulle-Schmidt sagte dies würde den Beschlüssen der Stadt entgegenlaufen, weil diese das Ziel verfolgten, die Mülleimer eher unsichtbar zu machen.
Es wurde begrüßt, dass man sich im Rahmen eines Pilotprojektes in Stuttgart am Pragsattel die Fahrpläne am Gleis vorlesen lassen kann. In Marburg und Lübeck wäre das beispielsweise schon flächendeckend möglich.
In ihrer Welt sind Blinde und Sehbehinderte mit ganz anderen Problemen konfrontiert als die Sehenden. Man weiß um sie nur, wenn man selbst betroffen ist oder die Blinden fragt und sich für ihre Probleme interessiert. So wurden die Gäste in die Kunst der Blindenführung eingeführt und durften im Selbstversuch mit Schlafbrille und Langstock eine Treppe begehen. So sagte Stadträtin Bulle-Schmid, die im Sozialausschuss und im Beirat für Menschen mit Behinderung sitzt: „Ich habe mal ein Auge auf das Blindsein geworfen. Ich greife die Beschwerden auf und kann ihnen mitgeben, dass die Gemeinderäte ansprechbar sind für Dinge die den Bürgerinnen und Bürgern das Leben schwer machen.“
Die jungen Menschen bei der Nikolauspflege haben aus dieser ersten Bürgersprechstunde mitgenommen, dass man die Dinge, die einem das Leben schwer machen, nicht aushalten sondern den gewählten Volksvertretern mitteilen muss, damit sich etwas zum Besseren wendet. Eine wichtige Lektion in Sachen Demokratie.
Als Rückmeldung von der Veranstaltung erfuhren wir von den Schülern, dass sie sich mit ihren Herausforderungen wahr – und ernstgenommen fühlten. Die Durchführung des Selbstversuchs für Sehende hat ihnen besondere Freude bereitet.